AG Geschichte der Luft- und Raumfahrtmedizin

Wirth D (2012): 50 Jahre Flugmedizin in Königsbrück.

Ärzteblatt Sachsen, 23, 8, S. 330-333, ISBN 0938-8478

Die flugmedizinische Begutachtung des fliegenden Personals in der DDR wurde zunächst durch das Speziallazarett des Aeroklubs in Cottbus wahrgenommen und nach der Gründung eines Institutes für Luftfahrtmedizin (ILM) der Luftstreitkräfte und Luftverteidigung (LSK/LV) der NVA von diesem übernommen.

Strukturell gliederte sich das ILM zunächst in einen klinisch-gutachterlichen und in einen wissenschaftlich-experimentellen Bereich. Der klinisch-gutachterliche Bereich umfasste zunächst mehrere klinische Stationen (Innere Medizin, Neurologie und Psychiatrie, Otorhinolaryngologie, Ophthalmologie sowie Belegbetten für Chirurgie und Zahnheilkunde) und die Flugmedizinische Kommission (FMK). Der wissenschaftlich-experimentelle Bereich umfasste zwei stationäre Unterdruckkammern und eine fahrbare sowie die wissenschaftliche Bibliothek, das wissenschaftliche Zeichen-Büro, eine Vervielfältigungs-Abteilung und später auch eine Trainingsvorrichtung für das vertikale Katapultieren von Piloten am Boden. In den folgenden Jahren erfolgte eine Vielzahl struktureller Anpassungen gemäß präzisierter Aufgabenstellungen.

Im Jahre 1973 begann die Mitarbeit des ILM in der Ständigen Arbeitsgruppe Kosmische Biologie und Medizin der am Programm Interkosmos beteiligten sozialistischen Länder. Vom 03.-04. August 1976 fand eine Vorauswahl von Jagdfliegern für spezielle Aufgaben statt, die vom 01.10.-02.11.1976 durch eine erweiterte flugmedizinische Begutachtung unter Teilnahme sowjetischer Spezialisten ergänzt wurde. Alle weiteren Vorbereitungen eines Deutschen auf den Raumflug erfolgten in der Sowjetunion.
Die von Mitarbeitern des ILM erarbeiteten und während des gemeinsamen Raumfluges von Oberst SIGMUND JÄHN und Oberst WALERI F. BYKOVSKIJ vom 26.08.-03.09.1978 durchgeführten Experimente fanden in der Öffentlichkeit ein breites Interesse.

Der Personalbestand des ILM war Ende der 80er Jahre auf über 30 „Armeeangehörige“ (vor allem Ärzte, einige Verwaltungsoffiziere und Soldaten) und zirka 220 „Zivilbeschäftigte“ (Ärzte, Schwestern, medizinisch-technische Assistenten, Ingenieure, Techniker, Verwaltungsangestellte, Kraftfahrer, Küchenpersonal) angewachsen.

Die umfangreiche wissenschaftliche Arbeit auf der Grundlage der Untersuchungen zur flugmedizinischen Begutachtung, aber auch einzelner experimenteller Untersuchungsansätze fand ihren Ausdruck in einer Vielzahl von Publikationen sowie erfolgreich verteidigter Diplomarbeiten und Dissertationen zur Promotion A und zur Promotion B.

Die Lehrtätigkeit der ärztlichen Mitarbeiter des ILM umfasste die flugmedizinische Grundausbildung der Flugschüler mit einem Vorlesungszyklus von 40 Stunden, die flugmedizinische Weiterbildung der Flugzeugführer erfolgte mittels Broschüren und der Durchführung von Lehrgängen für Geschwaderärzte und andere Fachoffiziere.

Auf der Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse wurde die luftfahrtmedizinische Begutachtung systematisch durch psychologische, psychophysiologische und leistungsphysiologische Untersuchungen ergänzt und enger mit der Konditionierung des fliegenden Personals unter Einbeziehung psychoprophylaktischer und sporttherapeutischer Elemente verzahnt.

Schließlich wurde unter Einsatz erheblicher wissenschaftlicher Eigenleistungen des ILM 1986 eine Humanzentrifuge (HZF)und 1987 eine Höhen-Klima-Simulationsanlage in Betrieb genommen.

Nach der Übernahme der NVA durch die Bundeswehr wurde das ehemalige ILM von 1991 bis 1994 als Außenstelle der Luftwaffe für Flugmedizin geführt. In Anpassung an die Aufgaben des Flugmedizinischen Institutes der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck (bei München) erfolgte eine inhaltliche Profilierung für diagnostische und wehrtechnische Untersuchungen sowie flugphysiologische Ausbildungslehrgänge unter besonderer Berücksichtigung der Beschleunigungs-, Höhen- und Klimaphysiologie.

Ab dem 01.01.1995 wurde die Dienststelle mit ihrem neuen Aufgabenprofil als Abteilung II in das Flugmedizinische Institut der Luftwaffe integriert. Um auf Notfälle bei Höhentests besser reagieren zu können, wurde im Januar 1995 eine größere Überdruckkammer in Betrieb genommen, in der sich der behandelnde Arzt während der Überdruckbehandlung mit aufhalten kann.

In der Abteilung werden Flugzeugbesatzungen, Höhenfallschirmspringer, Fliegerärzte und Fliegerarztgehilfen theoretisch und praktisch aufgabenspezifisch in Flugphysiologie ausgebildet. Für die Ausbildung stehen neben modernen Unterrichtsräumen die modernen Simulationsanlagen zur Verfügung. Auch ein Training auf dem sog. Desorientierungstrainer (spezifischer Flugsimulator), und in zwei bestens ausgestatteten Sporthallen (eine auch mit Sprungtuch, Überschlagschaukel, stehendem Rhönrad und Triplex), gehört zum Lehrgangsalltag.

Neben der praktischen und wissenschaftlichen flugmedizinischen Arbeit wird auch Gruppen interessierter Schüler und Erwachsener aus dem zivilen Bereich die Möglichkeit gewährt, die Tätigkeit der zirka 40 Mitarbeiter der Abteilung kennen zu lernen. Ein Höhepunkt dieses Engagements in der Öffentlichkeitsarbeit war die Teilnahme an der Dresdner Nacht der Wissenschaften im Jahre 2010, die zirka 1.200 Besucher nutzten.

Die gegenwärtigen Aufgabenbereiche der Abteilung sind vielfältig und betreffen neben der Ausbildung auch spezielle flugmedizinische Untersuchungen, die Forschung unter Nutzung der Simulation extremer Umweltbedingungen sowie die Erprobung von Geräten unter diesen Bedingungen. Mit der HZF können die Piloten zum Beispiel den Trägheitskräften in allen drei Körperachsen (x-, y- und z-Achse) ausgesetzt werden, in dem der Pilot in der Kabine der HZF mit verschiedener Geschwindigkeit und evtl. auch mit verschiedenen Kippgraden der kardanisch an einem Träger aufgehängten Kabine um die Drehachse des Gesamtsystems gedreht wird und so die Beschleunigungskräfte wirksam werden.

 

Arbeitsgruppe


 

Geschichte der Luft- und Raumfahrtmedizin


Leiter: Dr. med. Victor Harsch

 

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